Walter Thurnherr und die Kunst der Verlangsamung

«Wie der Bundesrat die Schweiz regiert – und weshalb es trotzdem funktioniert.» Ein kokettierender Buchtitel, ganz im Stil von Walter Thurnherr.
Er hat auch als achter Bundesrat – im Gegensatz zu vielen Schweizer Politiker:innen – ein Faible für Sprache und Rhetorik. Und er hat nie die Lust verloren, sein Publikum nicht nur für seine Argumente zu gewinnen, sondern auch zu unterhalten.
Wer Enthüllungen über den innersten Kreis der Macht erwartet, wird allerdings enttäuscht. Das ist nicht «Schweizer Gepflogenheit». Und der Ex-Bundeskanzler bleibt auch im Ruhestand, der Profi: höflich und verschwiegen.
Trotzdem freue ich mich auf Anekdoten aus und rund um das Bundesratszimmer – Geschichten, die zwischen den Zeilen vielleicht mehr über die Schweizer Politik verraten als viele Fachbücher.
Und ja, ich lese Thurnherr auch, weil er mich selbst einmal mit einem Buch gründlich überrascht hat.
2019 war ich an einen Runden Tisch zur Digitalisierung eingeladen – auf persönliche Einladung von Walter Thurnherr. Für dieses Zukunftsthema wählte er eine Berner Stadtvilla, vollgestopft mit opulenten Gemälden.
Rund 30 Professor:innen, Chefbeamt:innen, Lobbyist:innen – und ich – sassen auf antiken Stühlen im Kreis, als der Bundeskanzler den Raum betrat. Unter dem Arm: unser zerlesenes Buch «Agenda für eine digitale Demokratie», das ich kurz zuvor mit Maximilian Stern geschrieben habe – voll mit Notizzetteln.
Im NZZ-Interview zur Bucherscheinung sagt Thurnherr auf die Frage, was die wichtigsten Eigenschaften eines Bundesrats seien: «Man muss unheimlich viel lesen können.»
Das gilt offenbar auch für den Bundeskanzler – und ist vielleicht ein Qualitätsmerkmal der Schweizer Politik, das ein bisschen aus der Zeit gefallen ist.
Was ich selbst über die direkte Demokratie gelernt habe: Politik braucht nicht nur Dynamik, die mir oft persönlich näher ist, sondern auch Verlangsamung.
Wenn der Kampf der guten Argumente – die viel gepriesene Deliberation – funktionieren soll, dann braucht es Zeit. Und manchmal ein unterhaltsames Buch über Schweizer Politik 😉
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