Daniel Graf

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Retweet the story and your mind will follow: Die Hashtag-Kampagne «#bringbackourgirls» und die entführten Mädchen in Nigeria

Mitte April hat die nigerianische Islamistengruppe Boko Haram mehr als 270 Schülerinnen aus einem Internat im Nordosten des Landes entführt. Ein Drama, das auch auf Social Media weltweit hohe Wellen wirft – nicht erst, seit die Nachrichtenagentur AFP gestern ein Video der Entführer veröffentlicht hat, auf dem die Mädchen vorgeführt werden.

In den letzten Wochen wurden hunderttausendfach Tweets mit dem Hashtag «#bringbackourgirls» verschickt. Darunter auch von verschiedenen Stars und Prominenten, wie der in letzter Zeit immer politischer auftretenden Michelle Obama. Mit einem Portrait von sich im Stil der Kampagne landete die First Lady auf der Frontseite der New York Post.

Bild zum Beitrag ‹Retweet the story and your mind will follow: Die Hashtag-Kampagne #bringbackourgirls und die entführten Mädchen in Nigeria›

Quelle: Instagram http://instagram.com/p/ntgcjCvZKV

SRF 3 hat mich als Kampagnenexperten gefragt, inwiefern Tweets tatsächlich einen Beitrag zur Befreiung der entführten nigerianischen Mädchen leisten können. Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich zunächst die Ausgangslage vor Augen führen. Gemäss Medienrecherchen startete die Kampagne am 23. April 2014 in Nigeria. Lanciert wurde sie von betroffenen Eltern und Aktivistinnen, die Druck auf den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan ausüben wollten, mehr für die Befreiung der entführten Mädchen zu tun. In dieser ersten Phase funktionierte die Kampagne nach dem klassischen Muster: Um den Druck auf eine nationale Regierung zu erhöhen, wird über die Bande gespielt und versucht, das Thema auf die internationale Medienagenda zu hieven. Letzteres hat im vorliegenden Fall offensichtlich funktioniert.

Was aber waren die Erfolgsfaktoren für das weltweite Agenda-Setting? Zweifellos lässt die Geschichte der entführten Mädchen niemanden kalt. Darüber hinaus komprimiert der Hashtag «#bringbackourgirls» die Ereignisse auf eine Social Media-gerechte Kurzform, die wegen ihres im Prinzip fiktiven, aber dennoch personalisierten Absenders auffällt. Viele Twitterer haben der Kampagne zudem mit den derzeit allseits beliebten Selfies, d.h. selbst aufgenommenen Portraitfotos, ein eigenes Gesicht geben, was die Sichtbarkeit auf den digitalen Kanälen stark erhöht hat.

Die virale Verbreitung via Social Media hat aber ganz klar auch ihre Schattenseiten. So wurde beispielsweise zehntausendfach ein Foto eines Mädchens verschickt, das angeblich zu den Entführungsopfern gehörte. Mittlerweile wurde bekannt, dass das Mädchen in Gineau-Bissau lebt – über 2’000 km von Nigeria entfernt – und keinerlei Bezug zu den Ereignissen hat.

Bild 2 zum Beitrag ‹Retweet the story and your mind will follow: Die Hashtag-Kampagne #bringbackourgirls und die entführten Mädchen in Nigeria›

Quelle: http://neatoday.org/wp-content/uploads/2014/05/Bring-Back-Our-Girls-590×339.jpg

Wie im Fall der Viral-Kampagne «Kony 2012» stellen sich zudem auch hier heikle Fragen. Zum Beispiel diejenige nach den Konsequenzen einer derart erfolgreichen Aktion, die weltweit für Schlagzeilen sorgt. So befürchten einige nigerianische Medienschaffende etwa, die Kampagne könnte zu einem Boomerang werden. Denn gibt es in «Afrika» ein Problem, schickt der Westen als Sofortmassnahme in der Regel gerne Militärberater und Soldaten. In der kurzen Geschichte des 21. Jahrhunderts ist bereits ausreichend dokumentiert, dass solche militärischen Interventionen keine oder nur wenig Hilfe bringen, sondern im Gegenteil oftmals viel Leid verursachen und Menschenleben kosten.

Ist der Lärm auf den Social Media-Kanälen deshalb vor allem ein Beispiel für so genannten «Clicktivism», für wenig wirksames Feelgood-Engagement also? Allen negativen Aspekten zum Trotz: Die Hashtag-Kampagne bietet in meinen Augen zumindest die Gelegenheit, mit anderen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, was derzeit in Nigeria passiert. Zudem ist selbst ein simpler Re-Tweet – ganz nach dem Motto «Move your ass, your mind will follow» – eine zwar kleine, aber wichtige Aktion und eine, die angesichts der medialen Dauerberieselung mit Krisen und Katastrophen keinesfalls selbstverständlich ist.

Auch besteht die Chance, dass einige der Millionen Nutzer, die #bringbackourgirls getweetet haben, sich auch in Zukunft für nigerianische AktivistInnen und Medienschaffende einsetzen werden, die täglich ihr Leben riskieren, um gegen Menschenrechtsverletzungen im Land zu kämpfen. Und last but not least weckt die Geschichte der entführten Mädchen vielleicht auch etwas mehr Verständnis dafür, dass Menschen aus Nigeria Schutz und Sicherheit in der Schweiz und anderen Ländern suchen.

PS: Hier das SRF3-Interview zum Nachhören.

Danke an Joel Bisang fürs Feedback.

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