Die «Datenkrake» und ihr antisemitischer Code
Zwei Beiträge vom Januar 2025, zuerst erschienen auf X.

10. Januar 2025
Ein E-ID-Referendum mit «Datenkrake» als Visual? Ein No-Go, Piratenpartei @ppsde! Wer im Internet nur fünf Minuten recherchiert, merkt: «Kraken» sind fast schon ein Klassiker für antisemitische Bildsprache.
Das bekannteste Beispiel stammt aus der NS-Propaganda. In einer Karikatur des Nazi-Zeichners Josef Plank umschlingt ein Krake mit dem Gesicht Winston Churchills die Erde. Die Botschaft war klar: Das fiktive «Weltjudentum» kontrolliert den Globus.
Die antisemitische Symbolik taucht seither immer wieder auf – auch als Visual für politische Kampagnen. 2011 verwendete die Occupy-Wall-Street-Bewegung den Kraken als Symbol für undurchsichtige Finanzmächte («Fight the vampire liquid»). Nur ein Jahr später nutzte die Piratenpartei Schweiz ein Bild, das an die Nazi-Karikatur der 40 Jahre erinnert, für ihre Stopp-ACTA-Kampagne.
Beide Krakenbilder lösten damals viel Kritik aus und führten zu Debatten über antisemitische Bildsprache in der Anti-Globalisierungsbewegung. Seither haben die zivilgesellschaftlichen Bewegungen diese antisemitische Tiermetapher bewusst aus ihrem visuellen Repertoire gestrichen. Umso unverständlicher, ja verantwortungslos ist es, wenn die Piratenpartei Schweiz 2025 wieder darauf zurückgreift.
Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt in ihrer Broschüre «deconstruct antisemitism», wie solche Symbole, die im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verankert sind, funktionieren: «Ob bewusst oder unbewusst: Die Codes und Metaphern funktionieren wie eine Hundepfeife. Wer fähig ist, die Pfeife zu hören, decodiert und versteht, dass hier Judenhass verbreitet wird.»
Antisemitische Codes sind keine Grauzone, sondern eine Grenzverletzung. Wer sich von Rechtsextremismus distanzieren will, was die Piratenpartei selbst von sich sagt, und trotzdem auf die Datenkrake als Visual für das E-ID-Referendum setzt, muss sich dem Vorwurf stellen, genau zu wissen, worum es geht: Fischen im braunen Teich.
Wie der «Tagesanzeiger» gestern berichtet hat, ist die Botschaft der Piratenpartei offenbar angekommen. Die Junge Tat, Mass-Voll, Aufrecht Schweiz und die Verfassungsfreunde wollen sich an der Unterschriftensammlung gegen das neue E-ID-Gesetz beteiligen. Kaum aus inhaltlichen Gründen, sondern weil sie das Referendum als Propaganda-Plattform für Hetze und Verschwörungstheorien nutzen wollen.
Quellen:
- Karrikatur Seppla (Josef Plank), 1940er Jahre, encyclopedia.ushmm.org/content/de/photo/anti-jewish-propaganda
- Piratenpartei Schweiz, Stop-ACTA-Visual 2012, commons.wikimedia.org/wiki/File:Stop_ACTA_Octupus.jpg
- Broschüre «deconstruct antisemitism», Amadeu Antonio Stiftung, amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2021/11/210922_aas_broschuere-da-105x148_web_doppelseiten.pdf
- E-ID-Referendum 2025, Piratenpartei Schweiz, e-id-gesetz-nein.ch
- Blick 09.01.2025, blick.ch/politik/aus-angst-vor-ueberwachung-rimoldi-will-gegen-e-id-kaempfen-id20475713.html
- Tagesanzeiger 09.01.2025 tagesanzeiger.ch/streit-um-e-id-massvoll-kapert-referendum-der-piratenpartei-401613351772
Zuerst erschienen auf X.
11. Januar 2025
Als ich gestern den antisemitischen Code im «Datenkraken»-Kampagnenbild des E-ID-Referendums der @ppsde thematisierte, löste dies eine Welle persönlicher Diffamierungen aus.
Die Reaktionen haben mich nicht überrascht, aber trotzdem überfordert. Meine Absicht, durchgehend sachlich zu bleiben, konnte ich nicht durchziehen. Darum habe ich heute einige meiner Posts gelöscht.
Mein Ziel war und ist eine Debatte darüber, wie sich politische Kampagnen klar von Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien abgrenzen können.
Bereits beim ersten E-ID-Referendum 2019 diskutierten wir intern intensiv darüber, wie wir verhindern können, dass rechtspopulistische Kreise die Kampagne für ihre Zwecke instrumentalisieren.
Die Corona-Pandemie hat seither eindrücklich gezeigt, wie Digitalisierungsängste von Verschwörungstheoretiker:innen missbraucht werden.
Das aktuelle eID Referendum läuft Gefahr, genau solchen Netzwerken eine Plattform zu bieten. Verbale Distanzierungen reichen nicht aus – es braucht konkretes Handeln, beginnend bei der kritischen Reflexion der eigenen Kampagnenbilder.
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